Sport begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Vor allem das Laufen war schon früh ein Teil von mir. Bereits als Kind bin ich mit meinem Vater meine ersten Runden gelaufen. Irgendwann wurde daraus meine ganz eigene Leidenschaft.
Ich liebte dieses Gefühl, mich zu bewegen, mich auszupowern und zu sehen, was mein Körper leisten kann. Diese Begeisterung ist bis heute geblieben und hat mich schließlich auch zum Triathlon gebracht.
Gleichzeitig musste ich auf meinem Weg lernen, dass zwischen Leidenschaft, Ehrgeiz und dem ständigen Überschreiten der eigenen Grenzen manchmal nur ein sehr schmaler Grat liegt.
Denn meine Geschichte mit Sport ist nicht nur eine Geschichte über Triathlon, Wettkämpfe und sportliche Ziele. Sie ist auch eine Geschichte über eine Essstörung, Kontrolle und Leistungsdruck und darüber, nach vielen Jahren wieder zu lernen, meinem eigenen Körper zuzuhören.
Wenn der Körper nicht mehr mitmacht
Ich hatte über einen sehr langen Zeitraum mit einer Essstörung zu kämpfen. Auch als nach außen irgendwann vieles wieder „normal“ erschien, bedeutete das nicht automatisch, dass mein Körper gesund war.
Das deutlichste Zeichen dafür war meine Periode: Sie blieb sechs Jahre lang aus.
Und trotzdem machte ich weiter.
Ich funktionierte ja. Ich konnte arbeiten, trainieren und Leistung bringen. Gerade weil ich schon immer sehr ambitioniert war, fiel es mir leicht, die Signale meines Körpers zu ignorieren. Mehr Training fühlte sich für mich lange besser an als weniger. Durchziehen besser als Pause machen.
Vor zwei Jahren dann mein erster Ermüdungsbruch … Zwei Tage vor meinem ersten Mitteldistanz erhielt ich die Diagnose. Auch hier habe ich die Anzeichen wochenlang gekonnt wegignoriert.
Rückblickend war das ein Warnsignal, das eigentlich kaum deutlicher hätte sein können. Mein Körper zeigte mir, dass die Kombination aus hoher Trainingsbelastung und über lange Zeit unzureichender Energieversorgung Konsequenzen hatte.
Heute weiß ich, wie wichtig ausreichende Energieverfügbarkeit, Regeneration und ein gesund gesteuertes Training gerade im ambitionierten Ausdauersport sind.
Trotzdem brauchte es Zeit, bis ich wirklich verstand, dass es nicht darum gehen konnte, meinen Körper möglichst schnell wieder „funktionsfähig“ für den Sport zu machen. Ich musste grundlegend etwas verändern.
Triathlon und der Wunsch, immer besser zu werden
Triathlon war inzwischen zu meiner größten Leidenschaft geworden. Ich setzte mir ambitionierte Ziele, trainierte viel und wollte natürlich immer besser werden.
Im vergangenen November stand ich schließlich bei der Ironman 70.3 Weltmeisterschaft in Marbella an der Startlinie. Ein Erlebnis, auf das ich unglaublich stolz bin, und bis heute kann ich sagen: Es war bisher einer der schönsten Tage in meinem Leben. Die Energie, das ganze Event, so viele Menschen mit der gleichen Leidenschaft an einem wunderschönen Ort.
Danach sollte eigentlich der nächste große Schritt folgen: meine erste Langdistanz beim Ironman Frankfurt.
Doch irgendwann musste ich mir eine Frage stellen, die für mich schwieriger war als jedes Trainingsziel:
Was bringt mir all die sportliche Leistung, wenn mein Körper mir seit Jahren signalisiert, dass etwas nicht stimmt?
An diesem Punkt wurde auch die Zusammenarbeit mit Kerstin noch wichtiger. Kerstins größte Sorge war immer, dass ich durch das Training für die Langdistanz langfristige Folgen in Kauf nehmen würde – Hauptsache durchziehen.
Und irgendwann hat es dann endlich auch bei mir „Klick“ gemacht. Ich kann mir bildlich sehr gut vorstellen, wie der Freudentanz von Kerstin aussah, als ich ihr diese Entscheidung mitgeteilt habe.
Gesundheit statt Bestzeit
Ich habe entschieden, einen Weg einzuschlagen, bei dem nicht die nächste Bestzeit an erster Stelle steht, sondern meine Gesundheit.
Unser großes Ziel war etwas, das für andere vielleicht völlig selbstverständlich klingt: Mein Körper sollte wieder so gesund werden, dass mein natürlicher Zyklus zurückkommt – und zwar ohne zugeführte Hormone.
Für mich bedeutete das, Training anders zu betrachten. Belastung zu reduzieren, meinem Körper mehr Regeneration zu ermöglichen und vor allem ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen.
Kurz gesagt: weniger und teilweise weniger intensiv trainieren, mehr essen und meinem Körper endlich die Sicherheit geben, die ihm so lange gefehlt hatte.
Was auf dem Papier ziemlich einfach klingt, war für mich mental eine riesige Herausforderung.
Mein Körper veränderte sich. Ich nahm zu, hatte zeitweise starke Wassereinlagerungen und fühlte mich phasenweise deutlich weniger fit. Ich musste akzeptieren, dass sich Gesundheit nicht unbedingt sofort so anfühlt oder so aussieht, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Gerade als ambitionierte Sportlerin, die es gewohnt ist, Fortschritt anhand von Zahlen, Trainingswerten und Leistung zu beurteilen, fühlte sich dieser bewusste Schritt zurück manchmal wie ein Rückschritt an.
Gesund trainieren und trotzdem Leistung bringen
Kerstin hat mich auf diesem Weg begleitet und mir geholfen, nicht bei jedem Zweifel wieder in alte Muster zurückzufallen. Wir haben Training und Belastung immer wieder angepasst und dabei ein Ziel nicht aus den Augen verloren: langfristig gesund Sport machen zu können.
Und trotz des reduzierten Trainings konnte ich in Kraichgau eine neue Bestzeit über die Mitteldistanz aufstellen. Das hat mir umso mehr gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin – auch wenn ich mich gerade nicht wohl in meiner Haut fühle und Spiegel vermeide.
Vielleicht war ich dabei nicht die leichteste oder fitteste Version meiner selbst. Aber ich stand dort mit einem Körper, dem ich langsam wieder das zurückgebe, was ich ihm über viele Jahre genommen habe.
Nach sechs Jahren kommt die Periode zurück
Und irgendwann kam der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte.
Nach sechs Jahren bekam ich meine Periode zurück.
Etwas, das für viele Frauen vielleicht völlig alltäglich oder manchmal sogar lästig ist, war für mich plötzlich eines der schönsten Zeichen überhaupt.
Mein Körper sagte mir damit gewissermaßen: Es ist wieder genug da. Ich fühle mich wieder sicher.
Und vielleicht war genau das einer meiner größten sportlichen Erfolge, obwohl er auf keiner Ergebnisliste auftaucht.
Und darin liegt für mich heute eine ganz andere Form von Stärke.
Was ich über Training, Leistung und Gesundheit gelernt habe
Ich teile diese Geschichte nicht, weil mein Weg abgeschlossen ist. Ich bin noch mittendrin.
Es gibt weiterhin Momente, in denen Veränderungen an meinem Körper schwierig für mich sind. Momente, in denen der sportliche Ehrgeiz wieder lauter wird. Und Momente, in denen ich mich daran erinnern muss, warum Kerstin und ich diesen Weg überhaupt eingeschlagen haben.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt, über den wir im ambitionierten Ausdauersport häufiger sprechen sollten.
Gesundheit sieht nicht immer nach maximaler Fitness aus. Fortschritt bedeutet nicht immer schneller, leichter oder stärker zu werden.
Manchmal bedeutet Fortschritt, einen Wettkampf zu verschieben. Weniger zu trainieren. Mehr zu essen. Gewicht zuzunehmen. Einen Ruhetag wirklich als Ruhetag zu akzeptieren. Kontrolle abzugeben. Oder auf Warnsignale zu hören, anstatt sie als Schwäche zu betrachten.
Ich bleibe weiterhin die ambitionierte Triathletin. Ich möchte schneller werden, Ziele verfolgen, Wettkämpfe bestreiten, irgendwann in Kona an der Startlinie stehen und herausfinden, was in mir steckt … und das noch sehr lange.
Aber ich möchte es anders machen als früher.
Nicht mehr gegen meinen Körper, sondern mit ihm.
Denn kein Wettkampf, keine Platzierung und keine Zahl auf der Waage ist es wert, dafür die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
Mein größtes Ziel ist deshalb heute nicht nur, eine bessere Athletin zu werden.
Sondern eine gesunde Athletin.
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